Dresdner Stadtpfeifer

Alte Musik für neue Ohren

Stadtpfeifer in Dresden

 

In Dresden wurden schon um 1420 drei Stadtpfeifer angestellt. In anderen Städten sind angestellte Musiker noch früher nachweisbar: Braunschweig 1227, die Ratsmusiker in Nürnberg seit 1377, Ulm 1388. In Görlitz wurden Turmwächter ab 1376 erwähnt, 1391 gab es fest angestellte "bleser, trometer, bosuner". Zittau bezahlte schon 1393 "Spellute". Die Stadtpfeiferei in Halle/Saale wurde 1461 gegründet, in Leipzig 1479, in Freiberg 1549, in Bautzen 1581. In Berlin wurde der erste Stadtpfeifer mit der Berufsbezeichnung "Hausmann" 1571 erwähnt. Die Dresdner Hofkapelle wurde 1548 gegründet, allerdings sind angestellte Bläser schon 1386 am Dresdner Hof nachgewiesen, und auch Ende des 15. Jahrhunderts gab es Hofkantorei und Hofkapelle.

Vor 1420 war der Türmer der Kreuzkirche (Stadthausmann genannt) der einzige städtische Musiker. Er war kein Profi, doch besorgte er das Stundenblasen vom Turm und wurde zum Musizieren bei Festlichkeiten herangezogen. 1420 wurden in einer Ratsanweisung drei Bläser erwähnt, die für ein Honorar von pro Person 16 Groschen 29 mal im Jahr in der Kreuzkirche von der Orgelempore spielen mussten. Die ersten Aufgaben der Stadtpfeifer lagen also in der Kirchenmusik. 1572 kam ein vierter Musiker dazu "um der Musica willen und gemeiner Stadt zur Zier", später wurden es mehr.

Zu ihren Aufgaben gehörte die Verstärkung des Kreuzchores und vierstimmiges Blasen vom Kirchturm - früh um drei Uhr (im Winter um vier), mittags um elf und abends acht Uhr. In den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts wurde die Fronleichnamsprozession von zwei Pfeifern angeführt und von Fackelträgern begleitet. Die Stadtmusiker wirkten auch beim Dresdner Johannesspiel mit, einer von 1480 bis zur Reformation 1539 jährlich stattfindenden Prozession, deren Höhepunkt und Abschluss auf dem Altmarkt ein geistliches Theaterstück zur Geschichte Johannes des Täufers war. 1523 wurden dafür sogar zusätzliche Instrumentalisten aus Leipzig engagiert.

1572 stellte man vier Stadtpfeifer fest ein, die nach dem Tod des bisherigen Turmwächter die Wohnung im Turm der Kreuzkirche bezogen. Diese waren auch 1578 zur Einweihung der Annenkirche zu hören. Ab 1580 wurde nur noch ein Stadtpfeifer direkt vom Rat angestellt. Er war verpflichtet, Gesellen zu halten und Lehrlinge auszubilden. Je nach Größe der Stadt gehörten zu einem Meister zwei bis fünf Gesellen und bis zu drei Lehrlinge. 1620 bestand die Dresdner Stadtpfeiferei aus fünf Mitgliedern. Um diese Zeit spielten die Stadtpfeifer nicht nur Zinken und Posaunen, sondern auch Krummhörner, Blockflöten, Querflöten, Dulciane, Trompeten und Hörner.

 

Stadtpfeifer Johann Leuterding (1652-75) spielte mit seinen Musikern regelmäßig sonntags in der Kreuzkirche, montags in der Sophienkirche, wo der Superintendent predigte, außerdem Gottesdienste in der Frauenkirche und alle sechs Wochen in der Dreikönigskirche. Zusätzlich war er verpflichtet zum Abblasen vom Rathausturm anlässlich der Schlittenfahrt der kurfürstlichen Herrschaften. Bei Aufzügen der Bürgerschaft musste er zwei Trommelschläger und zwei Pfeifer stellen.

Ab 1675 hatte der Stadtmusicus, der Oberste der Stadtpfeifer, zu Weihnachten, Ostern und Himmelfahrt gemeinsame Aufführungen von Kreuzchor und Stadtpfeifern zu organisieren. Noch unter Gottfried August Homilius, der von 1755 bis 1785 Kreuzkantor war, spielten die Stadtpfeifer den Instrumentalpart zu den Kantatenaufführungen des Kreuzchores. Auch in der Sophien- und Frauenkirche musizierten die Stadtpfeifer zu Festgottesdiensten. 

An Festtagen wurde besonders viel Musik gebraucht. Stadtpfeifer Weise hatte 1742 zu Weihnachten folgenden Kirchendienst auszuführen: Proben am 19., 22. und 24. Dezember früh; Vesper am 24.12. in der Kreuzkirche, anschließend "Musik"; "Musik" am 25.12. um sieben und um zehn Uhr in der Kreuzkirche, außerdem "Musik" halb zwölf in der Annenkirche, nachmittags wieder Vesper in der Kreuzkirche; am 26.12. früh "Musik" in der Kreuzkirche, halb zwölf in der Sophienkirche; am 27.12. vor und nach der Predigt "Musik" in der Frauenkirche.

 

Wegen der wachsenden musikalischen Aufgaben trennten sich Türmer- und Stadtpfeiferamt nach 1700 wieder, denn der zunehmende Bedarf an Musik beeinträchtigte den Turmwächterdienst. Auch die beschwerliche Verpflichtung, auf dem Turm der Kreuzkirche zu wohnen, wurde aufgehoben. Stadtmusicus Weise bat den Rat wegen "starker und beschwerlicher Leibesconstitution" um eine Wohnung in der Stadt: Er scheue das Treppensteigen und fürchte sich oben bei Gewitter. Weise durfte 1743 den Turm verlassen. Die Turmwohnung und den Wachdienst übernahm ein Handwerker, der anfangs noch durch die Stadtpfeifergesellen, später durch besondere Feuerwächter unterstützt wurde. An die zugewiesene Wohngegend der Stadtpfeifer erinnert bis heute die Trompeterstraße, die allerdings bis 1945 von der Prager Straße zum Dippoldiswalder Platz führte und nicht wie heute in die Gegenrichtung zum Ferdinandplatz.

 

 

Bernardo Bellotto (Canaletto): Die ehemalige Kreuzkirche zu Dresden (1749)
 unten Ausschnitt davon: zwei Stadtpfeifergesellen auf dem Balkon

 

In Dresden wie in anderen Städten war das Honorar der Stadtpfeifer aus vielen einzelnen Entlohnungen zusammengesetzt, die zum Teil in Naturalien bestanden. 1736 betrug die Besoldung des Stadtpfeifers 105 Gulden pro Jahr, außerdem 38 Gulden und 14 Groschen für Licht, Holz, Kleidung und die Wartung der Turmuhr (das "Seigerstellen") und zwei Scheffel Korn. Dazu kamen die Honorare für "Accidentien", die extra bezahlten Auftritte zu Hochzeiten und anderen Anlässen. Von diesem Geld musste der Stadtpfeifer allerdings seine Gesellen entlohnen, Lehrlinge verpflegen und Instrumente für die Auftritte außerhalb der Kirche beschaffen. Für Festtage bekamen die Musiker vom Rat eine Uniform geschenkt.

 

Die Aufgaben der Dresdner Stadtpfeifer, aber auch die Preise für die Aufführungen, die Urlaubsregelungen und Sorgfaltspflichten beschrieb erstmals im Jahr 1572, dann geändert 1606 "Der Stadtpfeiffer zu Dresdenn Ordnung" 

1551 wurde über Streitigkeiten zwischen dem damaligen Kreuzkantor (1540-1553) Sebaldus Baumann und dem Stadtpfeifer(gesellen?) Jakob wegen der Einnahmen aus Hochzeitsmusiken berichtet. In den Ratsprotokollen steht, dass der Rat über "Jacoff den Pfeifer" verhandelt und ihm untersagt habe, nachts nach 9 Uhr auf die Gassen zu gehen, auf den Hochzeiten zu betteln und "die Leute zu übertheuern". Doch 1652 wurde dem neuen Stadtmusicus vom Rat vertraglich zugesichert, dass er "vor allen anderen Musikanten dem Herkommen nach den Vorzug haben und behalten soll". Das reduzierte die Einnahmen des Kreuzkantors und seiner Schüler.

 

Neben den Stadtpfeifern, aber zahlreicher und im Rang über ihnen stehend, gab es seit 1548 die kurfürstliche Hofkapelle mit ihren Sängern und Instrumentisten, außerdem das Hof- und Feldtrompeterkorps. Die Kunstgeiger waren wiederum den Stadtpfeifern untergeordnet.

Seit 1620 ist belegt, dass die Stadtmusiker zu Aufführungen bei Festen des Dresdner Hofes hinzugezogen wurden, gemeinsam mit "Hackebretierern" und mit "Bergsängern" aus Hartmannsdorf und Freiberg, die ebenfalls Instrumente spielten. So wirkten die Stadtpfeifer zur Zeit des Kurfürsten Johann Georg II. bei den großen Fastnachtsfesten 1663, 1669 und 1679 und beim Schießfest zur Einweihung des neuen Schießhauses 1678 mit. Die Leitung solcher Aufführungen hatten unter anderen Michael Praetorius, Hans Leo Haßler, Heinrich Schütz, Matthias Weckmann und Christoph Bernhard.

Beim Besuch von Kaiser Ferdinand III. im Jahre 1662 in Dresden wurde die Festmusik von den vereinigten Stadtpfeifern aus Dresden, Meißen, Pirna und Freiberg gespielt. Auch bei der Hochzeit der Kurprinzessin Erdmuthe Sophie mit Christian Ernst Markgraf von Brandenburg-Bayreuth im gleichen Jahr wurden Stadtpfeifer aus Dresden, Großenhain, Meißen, Bautzen, Pirna und Torgau vom Hof engagiert, dazu die "Schallmeipfeifer" aus Leipzig.



Einige Dresdner Stadtmusiker:

1572-1580 Stadthausmann Simon Görner / Horner
ab 1580 Stadtpfeifer Andreas Grünewald

1606-1622 Stadtpfeifer Nickol Uhlich
1622- 1652 Stadtpfeifer Markus Uhlich
1652-75 Stadtpfeifer Johann Leuterding, Sohn des Bautzner Stadtpfeifers N. Leuterding

1679-98 Stadtmusicus Daniel Weber
1698-1735 Stadtmusicus Gottfried Heyne
1735-51 Stadtmusicus J. P. Weise / Weiss
1751-66 Stadtmusicus G.H. Schnaucke
1766-71 Stadtmusicus J. F. Lange
1771-80 Stadtmusicus Chr. Frenzel

 

"der churfürstl. Pritschmeister und die 6 Stadtpfeifer"
Die Dresdner Stadtpfeifer am 6.2.1678 zum Aufzug der Armbrust- und Büchsenschützen
Große Schießgasse bei Haus Nr. 6 zur Durchlauchtigsten Zusammenkunft

(Gabriel Tzschimmer: Die Durchlauchtigste Zusammenkunft, Oder: Historische Erzehlung, Was ... Johann George der Ander Herzog zu Sachsen ... Bey Anwesenheit Seiner ... Gebrüdere, dero Gemahlinnen ... zu sonderbahren Ehren, und Belustigung, in Dero Residenz und Haubt-Vestung Dresden im Monat Februario, des M.DC.LXXVIIIsten Jahres An allerhand Aufzügen, Ritterlichen Exercitien ... Denkwürdiges aufführen und vorstellen lassen : ... das vornehmste nach dem Leben in unterschiedene Kupffer gebracht, Nebenst etlichen hierzu gefügten Erläuterungen ... Nürnberg 1680)


spätestens 1794-98 Stadtmusicus Johann Adam Schmiedel

1807-1816 Stadtmusicus G. Krebs
1816-1843 Stadtmusikdirektor Johann Gottlieb? oder Gottfried? Zillmann
1843-63 Stadtmusikdirektor Johann Wilhelm Hartung
1870-72 der letzte Stadtmusikdirektor Moritz Erdmann Puffholdt
 

Auf Vorschlag des Hofkapellmeisters Nikolaus Adam Strungk wurde 1697 beschlossen, eine Steuer auf die Einnahmen der Stadt- und Landmusikanten bei adeligen Hochzeiten einzuführen und zur "Erhaltung der Capell und Cammer Musieg" am Hof zu verwenden. 1706 wurde von diesen Abgaben ein kleines Corps de Musique für den Kurprinzen bezahlt.

Im 18. und 19. Jahrhundert bekamen auch die Stadtmusiker die gewachsene Konkurrenz anderer Ensembles zu spüren und mußten stärker um ihren Markt, ihre Bezahlung und die Anerkennung ihrer Arbeit kämpfen. 1799 beklagte sich Stadtmusicus Schmiedel über mangelnde Achtung durch das Publikum: "Ich werde betrachtet als oberster Schenkmusikant, aber nicht als Lehrer und Versorger einer Anzahl junger Künstler, an deren zukünftigen Wohl ich doch soviel beytragen kann oder könnte, wenn nur nicht die dazu nöthigen Mittel fehlten."

Nach Beschwerden der Stadtpfeifer und auf Betreiben von Herzog Prinz Xaver erließ der Dresdner Rat 1767 eine Verordnung, dass bei allen innerhalb des Dresdner Gerichtsbezirkes stattfindenden Hochzeiten und "öffentlichen Ausrichtungen" nur die Stadtpfeifer engagiert werden durften. Trotz Protesten anderer Kapellen erneuerte der Rat dieses Reskript im Jahr 1808. Doch schon 1843 endete das Privileg: Der neue Stadtmusikdirektor Hartung bekam zwar die gewerbliche Erlaubnis zur Ausführung von Konzert- und Tanzmusik mit seinem Musikkorps innerhalb des ganzen Stadtbezirkes, aber kein Verbietungsrecht mehr gegen konkurrierende Ensembles.

 

Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Dresdner Stadtpfeifer in "Ratsmusiker", später "Stadtmusikkorps", dann "Stadtkapelle" umbenannt. Anfang des 19. Jahrhunderts bestand die Stadtkapelle aus 15 Musikern. Stadtmusikdirektor Hartung wurde 1843 verpflichtet, mindestens 24 Instrumentalisten zu beschäftigen. Die Aufgaben änderten sich: Turmblasen nur noch an Sonn- und Feiertagen, der Schwerpunkt der Aufführungen lag in der Mitte des 19. Jahrhunderts bei Saal- und Gartenkonzerten und in der Kirchenmusik. Johann Wilhelm Hartung bemühte sich, freilich mit wenig Erfolg, Abonnementskonzerte einzuführen. Mit dem Kreuzchor führte das Stadtmusikkorps Messen von Mozart, Haydn und Beethoven auf, aber auch zeitgenössische Werke (z.B. vom 1828-1875 amtierenden Kreuzkantor Ernst Julius Otto).

Die Zunftbindung spielte für die städtische Musik keine Rolle mehr: Alle Leiter des Dresdner Stadtmusikkorps von 1771 bis zur Auflösung 1872 waren ehemalige Militärmusiker. 1856 wurde das Dresdner Konservatorium gegründet - eine Konkurrenz zur Ausbildung von Musikern in der Stadtkapelle.

1870 eröffnete der Gewerbeverein das Gewerbehaus, Ostraallee 13 gegenüber dem Zwinger. Dort gab es einen Saal mit guter Akustik und 2057 Sitzplätzen. Der Gewerbeverein verpflichtete das Stadtmusikkorps zu regelmäßigen Sinfoniekonzerten bei niedrigen Eintrittspreisen. Das Ensemble bekam laut Vertrag vom Gewerbeverein ein Viertel der Brutto-Einnahmen der Konzerte. Die Stadtmusiker scheinen die Erwartungen nicht gut erfüllt zu haben: Eine eigene Gewerbehaus-Kapelle (Foto von 1900) unter Leitung von Hermann Gustav Mannsfeldt wurde vom Gewerbeverein im Jahr 1871 gegründet (das oft genannte Gründungsdatum des Orchesters am 29.11.1870 zur Einweihung des Gewerbehauses ist falsch, wie die Annonce im Adressbuch für Dresden und seine Vororte von 1904 belegt). Auch die Königliche Kapelle, die heutige Sächsische Staatskapelle Dresden, spielte ab 1871 regelmäßige Konzerte im Gewerbehaus.

Im Gewerbehausorchester fanden etliche bisherige Mitglieder des Stadtmusikkorps Arbeit. Der letzte Stadtmusikdirektor, Erdmann Puffholdt, bemühte sich vergeblich um eine Neugründung des Stadtmusikkorps. 1872 reichte er wegen zu geringer Bezahlung seine Kündigung bei der Stadt ein. Nun hob der Stadtrat das Amt des Stadtmusikdirektors auf. Aus der "Gewerbehaus-Kapelle" wurde 1915 das "Dresdner Philharmonische Orchester", seit 1923 unter dem Namen "Dresdner Philharmonie". Dieses Orchester wurde wieder vom Rat subventioniert.

 

 

Der Beruf der Stadtpfeifer

Die Instrumente der Stadtpfeifer

Zünfte und Musikerausbildung

Stadtpfeifer in Dresden

"Der Stadtpfeifer zu Dresdenn Ordnung"

Historische Kostüme

 

website statistics