Dresdner Stadtpfeifer

Alte Musik für neue Ohren

Zünfte und Musikerausbildung

 

Die Stadtpfeifer organisierten sich in Zünften. Ein Meister unterrichtete Lehrlinge über einen Zeitraum von fünf Jahren und beschäftigte Gesellen. Musikalische Fähigkeiten ohne diesen Ausbildungsgang berechtigten nicht zur Ausübung des Berufes. Nach den Statuten der Zünfte musste jeder, der deren Mitglied werden wollte, sich beim Stadtmusikus als Lehrling verdingen und sich nach überstandener Lehrzeit ordentlich lossprechen lassen. Auch die dreijährige Wanderschaft gehörte zur Ausbildung eines Stadtpfeifers. Erst danach konnte ein Musiker sich um eine frei werdende Meisterstelle bewerben. Die Organisation der Stadtpfeifer in Zünften etablierte sich im 16. Jahrhundert und blieb für etwa zweihundert Jahre stabil.

1690 veröffentlichte ein Musiker in Dresden (wahrscheinlich Wolfgang Caspar Printz, der Hofkapellmeister des Grafen Erdmann von Promnitz) unter dem Pseudonym "Cotala" das satirische Werk "Musicus Vexatus, oder der wohlgeplagte doch nicht verzagte sondern iederzeit lustige Musicus Instrumentalis". Darin schreibt er über die Lehre beim Stadtpfeifer: "Nun ist es Zeit einmal zu beschreiben / wie stattlich ich von meinem Lehrherrn in der Instrumental-Music unter wiesen worden. Im Anfang wurde mir / alle Tage eine Stunde / zugelassen / mich zu exercieren / bis ich ein schlechtes Stück mit machen kunte / und einen rechten Ansatz auf der Posaune bekam. Hernach aber kriegte ich sonsten so viel zu thun / daß ich das Exercitium wohl auff die Seite setzen mußte. Doch hielte der Herr alle Sonnabend / nach der Vesper, eine Exercirstunde / so wohl mit den Gesellen / als mit mir. Wenn ich dann nur eine Note fehlete / so bekam ich ein gantz Dutzt. Ohrfeigen. Das beste war / daß ich singen kunte. Dieses hat mir so viel geholffen / daß ichden Tact wohl in acht nehmen / und meine Stimme zimlich mit weg stümpeln kunte. Wenn dieses nicht gewesen / hätte ich unmöglich auslernen können. Denn mein Lehr-Herr war ungeduldig und verdrießlich / und gedachte die Kunst seinen Jungen mit lauter Schlägen einzubringen."

Auch der Musiker und Musikwissenschaftler Johann Mattheson sprach von der "Knechtschafft in der Kunstpfeiferey" und behauptete, dass es nirgends "solche Sclaverey und Prügel-Probe" gebe wie in dem "Kunstpfeiffer-Reiche". 1717 schrieb er: "Denn durch den Zwang werden die Ingenia niedergeschlagen, der Mensch verliehret seine natürliche Gemütsfreyheit, er wird verdrießlich, träge, faul, schläffrig, und kan nimmer zu was rechts kommen... Das soll nun ein Musicante sein, den man auf Hochzeiten gebrauchet." Doch herrschte damals wahrscheinlich auch bei der Ausbildung anderer Zunftberufe eine ähnliche Pädagogik.

Zahlreiche bekannte Komponisten gingen aus einer Stadtmusikantenlehre hervor oder waren als Stadtpfeifer oder Stadtmusikdirektor tätig. Dazu zählen Tilman Susato (1531-1549 Stadtspielmann in Antwerpen), Hans Leo Haßler (1600-1601 Leiter der Augsburger Stadtpfeiferei, 1601-1604 Oberster Musiker der Stadt Nürnberg) , Johann Schop (1621-1667 Ratsviolist in Hamburg), Siegmund Theophil Staden (1623-1655 Stadtpfeifer in Nürnberg) , Johann Sebastian Bachs Vater Johann Ambrosius Bach (1654-1695 Stadtmusiker in Arnstadt, Erfurt und Eisenach - auch zahlreiche andere Mitglieder der Familie Bach waren Stadtpfeifer), Johann Christoph Pezel (1664-1680 Ratsmusiker in Leipzig, 1680-1694 Stadtmusiker in Bautzen) , Bachs virtuoser Trompeter Gottfried Reiche (in Leipzig 1688 Stadtpfeifergeselle, 1700 Kunstgeiger, 1706-1734 Stadtpfeifer), Friedrich Wilhelm Zachow (Stadtpfeiferlehre, schon während der Schulzeit, bei seinem Vater Heinrich Zachow), Georg Philipp Telemann (1712-1721 städtischer Musikdirektor in Frankfurt, 1721-1767 in Hamburg) und Johann Joachim Quantz (Stadtpfeiferlehre in Merseburg, 1714-1717 Stadtpfeifer in Radeberg, Pirna, Merseburg und Dresden).

 

 

 

Das Zunftprivileg beinhaltete auch, dass niemand anders als die Stadtpfeifer öffentlich gegen Bezahlung Musik machen durfte. 1707 wurde den "Pfuschern", den Bergsängern und Dorffiedlern, vom Freiberger Rat angedroht, man werde ihnen, sollten sie die Privilegien der Stadtpfeifer verletzen, die Instrumente zerschlagen. Jeder Bürger war unter Androhung von Geldstrafen verpflichtet, zu Hochzeiten, Taufen und anderen Festen niemanden anders als die Stadtpfeifer zu engagieren und zu bezahlen. Doch mussten Stadtpfeifer zu allen Zeiten gegen diese Konkurrenz kämpfen. Gerichtliche Klagen von Stadtmusikanten gegen Bierfiedler, Türmer, Tanzmeister, Organisten, Hofmusiker, Hautboisten, Instrumentenmacher, Studentenmusiker oder Privatmusici wegen unerlaubter Eingriffe in ihre Rechte verstummten nie.

Zu den Privilegien der Stadtpfeifer in Leipzig gehörte, dass sie bis 1717 keine Steuern zu zahlen brauchten und kostenlose Dienstwohnungen im Stadtpfeifergäßlein hatten. Die Zunft regelte ebenso die Versorgung der Witwen verstorbener Stadtpfeifer.

Die Zünfte der Stadtpfeifer in Sachsen schlossen sich 1653 zum "Collegium", einem Landesverbund von mehr als einhundert Musikern aus vierzig Städten zusammen und erstellten eine Landesordnung „Artickel dess Instrumental-Musicalischen Collegii in dem Ober- und Niedersächsischen Creiss und anderer interessirten Oerter“. Kaiser Ferdinand III. bestätigte diese 25 Artikel, die Standards für die Qualität der Musik und der Ausbildung, aber auch Schutzrechte für die Zünfte enthielten, auf dem Reichstag in Regensburg.

Zur Zeit des Siebenjährigen Krieges begann der Niedergang des Stadtpfeiferwesens. Die allgemeine Inflation erhöhte alle Lebenskosten, ohne dass dafür die Besoldung stieg. Außerdem konnten sich die Stadtpfeifer immer weniger gegen die Konkurrenz von Militärmusikern, auf hohem Niveau dilettierenden bürgerlichen "Collegia musica"  und anderen Kapellen behaupten.Wachsende technische Anforderungen in den Kompositionen des 18. Jahrhunderts überstiegen die Möglichkeiten der Multiinstrumentalisten in den Stadtpfeifereien.

Die alten musikalischen Zunftbräuche kamen aus der Mode: Goethe beschreibt im ersten Buch von "Dichtung und Wahrheit" den Auftritt der Stadtpfeifer beim Pfeifergericht in Frankfurt, den er in seiner Jugend erlebte und der schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts völlig antiquiert wirkte. 1801 schrieb der Rat in Schneeberg dem ersten Stadtpfeifer vor: "Bei harter Ahndung und nach Befinden mit Entlassung darf sich der Premier nicht weigern, mit solchen Musikanten zu spielen, die nicht kunstmäßig gelernt haben, wenn der Kantor sie beim Konzert oder sonst anstellt."

Erst 1831 wurden in Sachsen die strengen Zunftgesetze aufgehoben. 1850 endete das Recht der Stadtpfeifer zur Erteilung von Spielkonzessionen für das Stadtgebiet. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit im Jahr 1861 erhielt jede Person das Recht, auch im Bereich der Musikaufführung und des Musikunterrichtes ein Gewerbe anzumelden.

In Konkurrenz mit Hofkapellen, Liebhaberorchestern, Militärmusik und den ersten bürgerlichen Berufsorchestern verloren die Stadtpfeifer allmählich an Bedeutung. Manche Stadtpfeifereien entwickelten sich zu städtischen Orchestern. Doch hielt sich die Stadtpfeifer-Ausbildung in einigen Städten noch lange. Allerdings wurde der Ruf der Stadtpfeifereien bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts auch durch sogenannte Lehrlingsorchester beschädigt, die unter dem nun nicht mehr geschützten Namen der Stadtpfeifer kommerziell eine schlechte Ausbildung von Instrumentalisten anboten.

 

 

Der Beruf der Stadtpfeifer

Die Instrumente der Stadtpfeifer

Zünfte und Musikerausbildung

Stadtpfeifer in Dresden

"Der Stadtpfeifer zu Dresdenn Ordnung"

 Historische Kostüme

 

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